Auszug aus der Geschichte von Lippedorf

Beitrag von Hermann Hallen, Spellen

 

Das kleine Fleckchen Lippedorf, im äußersten nordwestlichen Zipfel des Kirchspiels Spellen gelegen, zählte im Jahre 1824 nur 6 Häuser.

Der Ortsname "Lippedorf" hängt wahrscheinlich mit dem sogenannten "Lippefort" zusammen.

In früherer Zeit musste der gesamte Verkehr von oder nach Wesel von Süden her das kleine Örtchen Lippedorf passieren. Hier gabelten sich die Wege. Der eine Weg führte in südlicher Richtung zum "Franzmann" (heute van Rheinberg) und verlief dann weiter durch die "Spellener Heide" nach Dinslaken. Der andere Weg führte nach Voerde - Walsum - Duisburg.

 

Zeichnung Lippedorf 1824

 

 

Beschreibung:

Das Gebiet nördlich des Weges durch Lippedorf gehörte zu dem etwa 400pr. Morgen großen Gut "Flaem". Der an der Lippe gelegene Teil hieß "Sprockhövel". Die Flaem war eingeteilt in Ober- und Unterflaem. Die Geschichte der Flaem beginnt etwa um 1412. Die Unterflaem, in der sich das Wirtshaus befand, erstreckte sich von der Lippe und hatte seine Südgrenze in der Spellener Heide.

Ober- und Unterflaem trennte ein Weg, welcher von der Lippe in aller Zeit, bevor die Eisenbahn bestand (1855), vor van Rheinberg in die jetzige Frankfurter Straße mündete.

Zwei Umstände waren es, denen Lippedorf seine Bedeutung und seine Blütezeit verdankte: 1. Die Fähre über die Lippe, deren Besitzer die Herren der Flaem waren und 2. Die Zollstation zur Erhebung des Landzolls für die auf der Landstraße beförderten "Koopmannswaren".

Die Zollstation erhielt nach einer Verordnung des Grafen von Kleve aus dem Jahre 1397die Hälfte der Zolleinnahmen.

Von 1726 an vermittelte eine Brücke den Übergang über die Lippe. Da die Fähre bei Einbruch der Dunkelheit eingestellt werden musste, blieben die Fuhrleute mit ihren Pferden über Nacht in den dortigen Herbergen. In einer Überlieferung heißt es, dass schon im Jahre 1404 eine Herberge in Lippedorf "Am Spikesberg" oder "Spitzberg" gestanden hat. Sie war zu dieser Zeit das einzige Haus in Lippedorf.

Am 27. Oktober 1554 verpachteten die Karthäuser aus ihrem Gut ein Stück Land, gelegen auf dem Sprockhövel am Spikesberg. Hier entstand bald eine neue Herberge "Am Widomb".

Die häufigen Überschwemmungen im Gebiet an der Flaem brachten den Herbergen oft großen Schaden. Um diesem Übel zu entgehen, baute die Oberflaem an einer höher gelegenen Stelle ein neues Brauhaus, darin eine Gastwirtschaft, eine Herberge mit 40 Pferdeeinstellboxen.

Diese neue Herberge war den vorhandenen Herbergen ein "Dorn im Auge". Als sich im Jahre 1680 noch eine dritte Herberge "Im weißen Pferd" in unmittelbarer Nachbarschaft ansiedelte, kam es oft zu großen Auseinandersetzungen um die Zollstation und deren Pächter. Oft standen Besitzer und Pächter vor dem Richter.

Der Gerichtsplatz des Spellener Gerichts war am "Spitzberg", etwa 100m nördlich des früheren Hofes Schulte Vorst. Auf diesem kleinen Hügel stand bis vor einigen Jahren noch der Rest eines alten Lindenstummels, dessen Stamm einen sehr großen Durchmesser aufwies. Man vermutet, dass hier einstmals das Spellener Gericht getagt hat.

Die Blütezeit und die guten Verhältnisse in dem kleinen Fleckchen Lippedorf änderten sich, als vom 01. November 1807 an die Erhebung des Landzolls unterblieb. Von jetzt an hielten sich die meisten Fuhrwerke nicht mehr in Lippedorf auf, sondern fuhren gleich durch zur Lippe. Als im Jahre 1830 die Straße vom "Franzmann" (auch "France Kron" genannt) in fast gerader Richtung über die Flaem angelegt wurde, war es mit der glänzenden Blütezeit von Lippedorf vorbei. Von den vier genannten Herbergen und Wirtshäusern besteht heute nur noch eins: Die Gaststätte "Zur Post".

Zu erwähnen sei hier noch, dass die Flaem ein Mühlenschiff besaß, wo man Getreide mahlen ließ. Dieses Mühlenschiff lag unweit der Fähre.

 

 

Der Hof "Schulte Vorst"

Der Vorstenhof hat eine große Vergangenheit. Im Volksmund hat der Hof eine Umwandlung erfahren. Aus Vorst wurde "Voß", man spricht heute vom Hof Schulte Voß.

Die bisher über diesen Hof gefundenen Nachrichten gehen zurück bis 1191. Er war dem Kloster Prüm zehntpflichtig. 1257 kommt der Hof in den Besitz der Grafen von Kleve. Nach einer Angabe aus dem Jahre 1741 ist der Hof etwa 310pr. Morgen groß. In der Geschichte des Vorster Hofes treten verschiedene Zweige des Rittergeschlechtes von Loe auf. Der letzte Erbe dieses Geschlechts war Walter v. Loe zu Knippenburg (1615). Es würde zu weit führen, hier alle nachfolgenden Besitzer aufzuführen.

Im Jahre 1870 fiel der Hof der Familie Haniel zu. Letzter Pächter des Hofes war Johann Schulte-Vorst. Während seine Eltern den Hof verwalteten, hat der Sohn die Landwirtschaft vernachlässigt, um seinem Vergnügen nachzugehen. Im Jahre 1938 wurde die Familie Altrogge Eigentümer, 1939 wurde der Hof an Herrn van der Linde verpachtet. 1946 hat Herrn van der Linde aus diesem Hofbesitz 33 Morgen gekauft. Der übrige Besitz wurde von Thyssen aufgekauft. Vor einigen Jahren ist der Hof abgerissen worden.

 

 

"Der Franzmann" oder die "France Kron"

Die ersten Nachrichten stammen aus dem Jahre 1680. Das Haus lag in unmittelbarer Nähe des Landwehrgrabens.

Besitzer: 1732 die Weseler van Santen, 1717 Evgl. Kirchengemeinde Spellen, 1726 Der Köster - Schmied am Franzmann, 1769 Johann Heinrich Metus, ab 1801 die Eheleute Christoph und Christine Weigel. Der Sohn Wilhelm Ulrich, geb. 1823 heiratete 1861 Margaretha geb. Kasselmann.

Aus dieser Ehe stammten 6 Töchter. Die jüngste Tochter gebar am 6.6.1896 Margarethe, die den am 25.6.1888 geborenen, aus Büderich stammenden Arno van Rheinberg heiratete. Der jetzige Besitzer des van Rheinbergschen Hauses ist Friedrich van Rheinberg, geb. am 3.5.1922.

Vor einiger Zeit wurde das alte Haus die "France Kron" abgerissen.